Das Entwerfen von der drei ersten Rätselparcours für meine Kinder machten mir derart Spass, dass ich überall davon erzählt hatte. Kollege Z fragte mich deshalb im Scherz, wann ich für ihn einen Rätselparcours organisieren würde. Ich schüttelte nur den Kopf.
Aber die Idee lies mich nicht mehr los. Wie kann ich so etwas „remote“ organisieren? Könnte ich auf dem Postweg etwas machen? Sollte ich etwas an seinen Arbeitsplatz schmuggeln?
Schlussendlich entschied ich mich für einen hybriden Ansatz: Z hatte kurz nach unserem gemeinsamen Chor-Probewochenende Geburtstag. Ich würde ihn dort überraschen und fing also an, einen „kleinen“ Parcours zu planen. (Und benötigte erneut viel mehr Zeit dafür, als ich dachte.)
Am Samstag Abend spät, nach etlichen Chorproben, beim gemütlichen Zusammensein im Hotel ging es los:
Schritt 1: Emoji-Geheimschrift

Z und ich spielen seit Jahren in verschiedenen Konstellationen Tichu & Dominion. Als Auftakt für den Rätselparcours habe ich in Apple Pages eine A3-Collage von Fotos unserer Spielrunden zusammengestellt, gemeinsam mit Geburtstagswünsche aller Mitspieler*innen. Dabei habe ich einzelne Buchstaben mit Emojis ersetzt und eine entsprechende Geheimbotschaft hinten aufs Papier gedruckt:
🐉♠️ 🐉🎂🃏🍿🃏 🌼🎂🍷 🎵🎈🎂🎉♠️?
Eine unserer Mitspielerinnen übergab ihm die Collage und nach ein bisschen Drauflüpfen konnte die Rätseljagd beginnen.
Schritt 2: Noten
Die Geheimbotschaft lotste ihn zum Standort des Pianos, unter welchem ein Couvert angeklebt war. Im Couvert befand sich eine Karte mit folgendem Aufdruck:

Mit dem freien Notensetzprogramm MuseScore Studio habe ich ein bestehendes Musikstück genommen, den Text entfernt und die Notenhöhen verändert.
Findest du die geheime Nachricht in den Noten?
Schritt 3: Kreuzworträtsel mit Scrabble-Steinen
Inspiriert vom nicht mehr ganz zeitgenössischen Kinderlied buchstabieren die Noten wiederholt dasselbe Wort: C-A-F-F-E-E. Weiter ging es bei der Kaffeemaschine in der Hotellounge. Hinter der Maschine lag versteckt in einem Couvert eine Karte mit Begriffen, ein Blatt Papier mit einem aufgedruckten Raster und ein Säcklein voller Scrabble-Steinen:

Auf der Karte stand die Überschrift „Was bleibt Z jetzt noch übrig zu tun?“ und danach ein Dutzend Hinweise auf Begriffe. Diese waren allesamt Insiderwitze mit Bezug zu Z’s Leben. Die Scrabble-Steine waren derart ausgewählt, dass die Lösungswörter gesetzt werden konnten, danach aber noch einige Steine übrig blieben. Die Überschrift lieferte den Hinweis darauf, dass aus diesen restlichen Steinen ein weiteres Wort zu bilden war.
Das Raster wollte ich zuerst mit einem Kreuzworträtselgenerator generieren. Dabei stiess ich auf zwei Probleme: Die Quadrate waren zu klein im Vergleich zu den Steinen und die verwendeten Buchstaben passten nicht zur Auswahl, welche das Scrabble-Spiel bot.
Ich habe deshalb die Steine selber in einem passenden Raster ausgelegt, umgedreht, fotografiert und wieder ausgedruckt.
In diesem Moment habe ich entschieden, den Schwierigkeitsgrad dieses Rätsel zu erhöhen: Es gibt keine Hinweise mehr darauf, wo und in welcher Richtung (horizontal/vertikal) das entsprechende Lösungswort platziert werden muss. Nicht einmal die Ausrichtung des Rasters ist klar. (Z hatte es tatsächlich zufälligerweise korrekt platziert…)
Die übriggebliebene Buchstaben waren: C E E H H N P S T U U Z. Findest du das Lösungswort?
Schritt 4: Flussdiagramm
An dieser Stelle eine Anekdote: Unser Chor führt seit über 15 Jahren fast jedes Probewochenende in diesem Hotel durch. Ich kenne es entsprechend gut und konnte mir im Voraus exakt überlegen, wo ich was verstecken werde. Um sicher zu gehen, dass wirklich alle Lokalitäten noch existieren, rief ich im Hotel an. Und erfuhr, dass sie ausgerechnet dieses Jahr ihr Hauptgebäude abgerissen haben und neu am Bauen sind. Miserables Timing. Glücklicherweise waren die meisten Dinge noch vorhanden. Ausser…
Das Lösungswort forderte auf, die Schuhe zu putzen. Auf zur Schuhputzmaschine! Welche aber leider nicht mehr existierte. Zum Glück hatte Z noch eine vage Ahnung, wo sie stand. Dort fand er ein Couvert mit einem kleinen Flussdiagramm auf sechs A4-Seiten verteilt:
Wer dem Flussdiagramm korrekt folgt, landet beim Ort wo es weitergeht.
Die Struktur des Flussdiagramms habe ich in Mermaid geschrieben, einem Textformat für Diagramme aller Art. Das geht wesentlich schneller als zusammenklicken mit der Maus. Der Anfang sieht so aus:
flowchart TD
STARTHERE([PROJEKTBEGINN]) --> START
START{Sind die Requirements geklärt?} --> |Ja| REKURSION2
START --> |Nein| EGAL[\Egal, starten wir trotzdem schon mal\]
EGAL --> REKURSION(Gibt es in den Abhängigkeiten noch Rekursionen?)
REKURSION --> |Ja| REKURSION2(Gibt es in den Abhängigkeiten noch Rekursionen?)
REKURSION2 --> |Ja| REKURSION
REKURSION --> |Nein| BEGINN
REKURSION2 --> |Nein| BEGINN
BEGINN{Zweiter Projektbeginn} --> ZAHL(SCRUM-Poker-Start: Wähle eine Zahl zwischen 1 und 100)
...
Mit Hilfe der freien Applikation Draw.io habe ich den Mermaid-Quelltext importiert, danach das Diagramm von Hand noch etwas bunter und komplizierter gemacht (Einige Kästchen herumgeschoben, Pfeile angepasst) und ausgedruckt.
Im Flussdiagramm stecken neben einigen funktionslosen Umwegen zwei Hauptpfade drin, welche aus einer beliebigen Zahl immer dasselbe Resultat rechnen. Es basiert auf einem beliebten Zaubertrick für Kinder. Findige Mathematiker haben ihn sicher schnell durchschaut.
Schritt 5: Formel

Es ging weiter mit Mathematik: Die vierte und letzte Karte bestand nur aus einer Formel. Kannst du dich noch daran erinnern für was sie steht? Und was die ganze farbige Rechnung stehen könnte?
Schritt 6: Tresor

Inmitten mindestens 473 bunter Bälleli (Mit einem Volumen von vier Drittel Pi mal Radius hoch drei) versteckte sich ein Tresor:

Um den Tresor zu öffnen, mussten die Rückseiten der gefundenen Karten zu einem QR-Code zusammengesetzt werden. Wenn man ihn scannt, erscheint ein Text mit der richtigen Kombination.

Und schon öffnete sich der Tresor. Als Belohnung zur erfolgreichen Bewältigung des Rätselparcours gab es einen Haufen Süssigkeiten.
Den Tresor hatte ich 3d-gedruckt nach einer bestehenden Vorlage. Weil das Schloss leider nicht ganz funktionierte ist die Rückwand abnehmbar und nur mit einigen Magneten fixiert. In Kombination mit genügend Heissleim war das Modell ausreichend stabil für den Einsatz
Den QR-Code (Hier das effektive Bild) habe ich mit einem spezialisierten AI-Bildergenerator für QR-Codes erstellt (Prompt: swiss mountain range with blue sky). Tipp: Im codierten Text ausschliesslich Grossbuchstaben verwenden, damit wird der QR-Code weniger komplex.
Zuerst wollte ich den QR-Code in einem Bergbild verstecken. Das funktionierte zwar theoretisch, es war aber praktisch unmöglich die Karten wieder so anzuordnen, dass der kleine Code scannbar blieb. Die grosse Version oben hingegen wurde problemlos sofort erkannt.
Abschluss
Die ¨Überraschung war gelungen, alles hat funktioniert. Nur Z war etwas unter Druck, da ihm dauernd ein Dutzend Leute im Nacken sassen und seine Fortschritte kommentierten. Oder mit der Gitarre musikalisch untermalten.
Den Tresor durfte Z als Souvenir mit nach Hause nehmen, ebenso wie alle Karten & Materialien.
…
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Schritt X+1: Im Briefkasten
Am Montag darauf hatte Z seinen eigentlichen Geburtstag. Und eine rätselhafte Postkarte im Briefkasten.
(Tatsächlich war die Post zu schnell: Die Postkarte kam zu früh an und ich musste seine Frau bitten, sie noch zu verstecken.)
Aus meinen initialen Überlegungen, wie sich ein Rätselparcours „remote“ durchführen liesse, blieb mir die Idee eines mehrstufigen Parcours auf dem Postweg im Kopf. Und als ich eine Geheimfach-Erweiterung für den Safe fand, waren die Voraussetzungen für einen genialen Twist gegeben.
🎵🎁🎩🎈🎵🎵 🍷🃏🎈🎩🃏 🌈🎈🃏🍿-🌈🎈🃏🍿
Auf der Postkarte stand einzig eine codierte Nachricht. Z hatte in Schritt 1 bereits bemerkt, dass er nicht alle Emojis zum Entschlüssen gebraucht hatte. Jetzt ergab sich mit Hilfe der restlichen Emojis den Text: „PCtipp Seite Vier-Vier“.

Unerwarteterweise hatte Z in der Woche zuvor ein Probeexemplar der Zeitschrift PCtipp zugeschickt erhalten. Dieser Brief kam aber nicht vom Verlag, sondern von mir. Der Begleitbrief war zu 100% von ChatGPT generiert. In der Hoffnung, dass er die Zeitschrift nicht sofort entsorgen würde, habe ich ihm auf Seite 44 einen Hinweis mit Bleistift hinterlassen:

Z hatte sie noch nicht entsorgt und fand den Hinweis. Im Innern des Tresors befand sich eine mit Magneten fixierte abnehmbare Seitenwand. Und dahinter…

…das zweite Geschenk.
Es handelte sich dabei um ein Set einer personalisierten Dominion-Karte, zugeschnitten auf Z’s Persönlichkeit und illustriert von Kollegin I. (Der Inhalt der Karte ist zu persönlich, um ihn hier zu veröffentlichen.)
Generiert habe ich die Karte mit dem Dominion Card Generator. Für die Funktion der Karte liess ich mir von ChatGPT helfen (Prompt: Propose custom cards for the board game Dominion representing a male co-player who likes to talk a lot, is covivial and funny and likes to do a lot of actions), passte den Text aber noch an. Die Produktion übernahm wiederum I. Ansonsten wäre ich dieser Anleitung hier gefolgt.
Z hatte an seinem Geburtstag so viel los, dass er erst am Tag darauf auf das ¨Überraschungsgeschenk gestossen ist. Aber auch dieser Teil des Rätselparcours hatte zu meiner grossen Freude geklappt.
Herzlichen Glückwunsch Z. Ich freue mich schon auf das nächste Mal Spielen mit dir!