Fast aus Versehen weggeworfen

Zügeln heisst hoffentlich auch immer grosszügiges und lustvolles Wegwerfen. Gestern fuhren wir zum Entsorgungshof und hatten unseren Spass mit den Müllcontainern dort.

Zum Gluck hatte ich zuvor beim Sortieren aufgepasst, sonst wären einige Dinge in den Abfall gewandert, welche ich bereut hätte:

  • Ein alter Plastiksack mit Elektronikschrott, in dem ich zufällig die Videospiele Final Fantasy 7 bis 9 entdeckt habe.
  • Meine knapp 5-jährige HD-Videokamera, die kürzlich aufgehört hat zu funktionieren. Vorgestern fand ich die Garantieverlängerung auf 5 Jahre.
  • Mein Sturmgewehr.

Persönliche Geschichten gehören nicht in den Abfall

Mitten im Zügel-Prozess habe ich realisiert, dass diese ganze Cult Of Less-Idee sehr schwierig ist. Natürlich wollte ich nie mein Hab und Gut auf nur einen Laptop und ein Mobiltelefon reduzieren, aber etwas weniger Sachen zu besitzen, fühlt sich irgendwie befreiend an. Und erleichtert das Zügeln.

Eine weniger radikale Variante hat Bruce Sterling in einer Präsentation an der Reboot 11 vorgeschlagen (Von Morten Just gibt es ein Flussdiagramm dazu, allerdings ein etwas kompliziertes): Er anerkennt, dass nicht aller Besitz nützlich sein muss. Zu vielen Dingen haben wir eine emotionale Verbindung. Sie sind mit einer persönlichen Geschichte verknüpft und deshalb derart wertvoll, dass man sie nicht wegwerfen kann.

Und so habe ich mir diesen Ansatz zu Herzen genommen und sortierte in den letzten Wochen aus, woran ich nicht so stark hänge. Einiges weniges habe ich verkauft, vieles verschenkt. (Der Rest ist noch immer auf der Liste.)

Mögen sie anderen Personen ebensoviel Freude bereiten wie einst mir.

Besser keinen Sport

Nach zwei Wochen zu Hause hat mich mein Doktor beim letzten Gespräch zurück in die Gesellschaft der Gesunden und Produktiven geschickt. Nur ein letztes Verbot gab er mir mit auf den Weg:

Er: Ihre Leber ist noch empfindlich, treiben Sie noch eine Woche oder zwei keinen Sport, bei dem Sie hinfallen könnten.

Ich: Grins, ok.

Er: (Misstrauisch) Was für Sport machen Sie?

Ich: Ähm… Gleitschirmfliegen… Schon gut, ich bliebe am Boden…

Tausende Franken an Elektroschrott

Die Diskussionen um die Zügelpläne meines Bruders und, unabhängig davon, jene von mir, veranlassten meine Eltern zur Bitte, doch mal unsere ehemaligen Zimmer im Elternhaus endgültig leer zu räumen. Ich bin dieses Wochenende diesem Wunsch nachgekommen und präsentiere hier den Haufen an Elektroschrott, welchen wir entsorgen werden.

Nach mehreren Stunden Aufräumarbeit kamen neben vielen Erinnerungen dieses zum Vorschein:

  • Zwei 110 Liter-Abfallsäcke voller Abfall, Treiber-CDs und -Disketten, Verpackungsmaterial etc.
  • Zwei Bananenkisten voller Kabel
  • 3 Röhrenmonitore, einer davon ein ca. 20kg schweres 20″-Teil
  • 4 Paar Lautsprecher, die ältesten waren ein Hochzeitgeschenk der Eltern, ca. 35 Jahre alt
  • Spiegelreflexkameras, Videokameras, Scanner, Drucker, alles hoffnungslos veraltet
  • 2 PCs (Ein 486 DX2 100mhz osä. und ein G4) und jenste Komponenten: Soundblaster, SCSI-Adapter auf ISA-Basis, 3D-Grafikkarten, DialUp-Modems, Gamepads, Tastaturen…

Das ganze Material muss einen Neuwert von zehntausenden Franken gehabt haben. Das meiste davon ist heute wertlos, dennoch musste ich mich zusammenreissen um radikal aufzuräumen: Zu oft ertappte ich mich beim Gedanken, dass man dieses oder jenes vielleicht trotzdem noch brauchen oder verkaufen könnte. Laut meinen Informationen ist allerdings dieser Schrott nicht mal mehr bei Hilfswerken für den Export gefragt: Zu schwer, alt und stromfressend sind diese Geräte. Es bleibt nichts anderes übrig, als die Pilgerfahrt zum Entsorgungshof.

Am Schluss verweilte ich reflektierend vor dem Abfallberg: Noch nie hat sich mir die Materialschlacht in meiner Branche derart eröffnet, noch nie war mir deren Vergänglichkeit in dieser Form bewusst geworden. Und wenn ich mich in meiner aktuellen Wohnung umsehe, sehe ich dasselbe: Einen Haufen von Zeugs, welches ich kaum benutze und mir eine Last am Hals ist, besonders beim anstehenden Zügeln. Und ich verspüre den Drang, einfach alles aus dem Fenster zu werfen.

Ganz so weit, wie die Anhänger vom Cult Of Less (Digitaler Nihilismus: Alles weggeben, ausser ein paar Kleider und einen portablen Computer mit grosser Festplatte) werde ich nicht gehen können. Aber ich werde den Versuch in den kommenden Wochen wagen. Früher oder später wirst du eine Mail in deinem Posteingang finden, mit welcher ich meine Last auf dich abwälzen werde.